Posted on Mai 1, 2009 in Gremien, Hochschulpolitik, Neuigkeiten

Walter ErbeMit großer Besorgnis und Unver­ständnis wenden wir uns gegen die aktu­ellen Äuße­rungen von Wilhelm Neusel. Dieser hat als Ver­treter des Arbeits­kreises Tübinger Ver­bin­dungen (AKTV), dem Dach­ver­band der Tübinger Kor­po­rierten, im Rahmen einer Pres­se­kon­fe­renz geäu­ßert, dass der Beschluss der Rek­to­ren­kon­fe­renz aus dem Jahr 1949 (auf einer Sitzung der West­deut­schen Rek­to­ren­kon­fe­renz in Tübingen) gegen das Farb­en­tragen “im Duktus von Joseph Goeb­bels” vor­ge­tragen worden sei.

Im Rahmen dieser Pres­se­kon­fe­renz wurde gleich­zeitig mit­ge­teilt, dass die Uni­ver­sität Tübingen beim “Bür­ger­früh­schoppen der Tübinger Ver­bin­dungen” am 17.5. durch ein Gruß­wort der Pro­rek­torin für Studium und Lehre ver­treten sein wird. Bereits am ver­gangen Samstag fand im Fest­saal der Uni­ver­sität eine Ver­an­stal­tung des AKTV statt, auf der Frau Pro­fessor Dr. Gropper eben­falls die Uni­ver­sität ver­treten musste, es in ihrem Gruß­wort jedoch unter­ließ Stel­lung zu diesen dif­fa­mie­renden Äuße­rungen zu nehmen.

Bis zum ver­gan­genen Dienstag gab es keine öffent­liche Stel­lung­nahme des Rektors zu den absolut unan­ge­brachten Äuße­rungen von Herrn Neusel. Dies hielten wir für mehr als bedau­er­lich. Deshalb haben wir uns an das Rek­torat gewandt, mit der sehr ein­dring­lich vor­ge­tra­genen Bitte, darauf hin­zu­wirken, diese Vor­fälle zu the­ma­ti­sieren. Für uns steht fest, dass sich der Rektor von den Äuße­rungen des Herrn Neusel dis­tan­zieren muss, sich schüt­zend vor seinen Vor­gänger sowie die ver­sam­melten Hoch­schul­rek­toren zu stellen hat und dem AKTV zukünftig keine Ver­an­stal­tungen in Räumen der Uni­ver­sität mehr zuge­bil­ligt werden sowie das Rek­torat nicht mehr bei dessen Ver­an­stal­tungen auf­treten sollte.

Es ist der Uni­ver­sität Tübingen absolut unwürdig, wenn Äuße­rungen wie die von Herrn Neusel geduldet werden und nicht zeitnah und sehr kon­se­quent rea­giert wird. Denn hier wird nicht nur unsere Uni­ver­sität ange­griffen, hier werden auch die ehe­ma­ligen Rek­toren wie den ver­sam­melten Hoch­schul­rek­toren und die Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz ins­ge­samt her­ab­ge­wür­digt und die Auf­bau­leis­tung wie die his­to­ri­schen Wahr­heiten her­ab­ge­wür­digt und ver­fäl­schend dargestellt.

Der dama­lige Tübinger Rektor und Pro­fessor der Rechts­wis­sen­schaften Walter Erbe (übrigens Mit­glied der Tur­ner­schaft Hohen­staufia, also ein Ver­bin­dungs­mit­glied) war selbst Opfer des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unrechts­re­gimes. Es ist eine Belei­di­gung, diesen Mann, der sich um den Aufbau der deut­schen Uni­ver­si­täten und ins­be­son­dere die schwie­rigen Jahre des Wie­der­auf­baus einer demo­kra­ti­schen Uni­ver­si­täts­struktur nach dem 2.WK sehr ver­dient gemacht hat, in die Nähe von Goeb­bels zu rücken. Ihm und seiner Familie hätte der Rektor umge­hend bei­stehen und sich auch vor die Insti­tu­tion der Uni­ver­sität Tübingen schüt­zend stellen müssen. Denn hier werden nicht nur Rek­toren, die teil­weise selbst die Gräu­el­taten des Natio­nal­so­zia­lismus über­lebten dis­kre­di­tiert, nein hier wird auch eine Insti­tu­tion als solche dif­fa­miert. Diesen Angriff auf die Uni­ver­sität und ihre ehe­ma­ligen Wür­den­träger, hätte der Rektor umge­hend in aller gebo­tenen Form und Schärfe begegnen müssen, doch bisher wurde seitens des Rek­to­rats noch nicht einmal die Pro­ble­matik, geschweige denn das Bild, das diese Äußerung auf das Selbst­ver­ständnis des der­zei­tigen Rek­to­rats und die Geschichte unserer Uni­ver­sität wirft, the­ma­ti­siert. Im Gegen­teil gleich­zeitig wird dem AKTV mit dem Fest­saal am ver­gangen Wochen­ende noch eine Platt­form für eigene Ver­an­stal­tungen geboten und das Rek­torat erklärt sich an ver­schie­denen Stellen bereit, für diesen Arbeits­kreis Gruß­worte und Ähnli­ches zu halten.

Dass es hier offen­sicht­lich an einem sen­si­blen Umgang und einer kri­ti­schen Bewer­tung der Äuße­rungen fehlt, zwingt uns als Stu­die­rende ein­zu­schreiten, denn für uns können und dürfen diese Äuße­rungen nicht unkom­men­tiert im Raum stehen bleiben.

Dass das Rek­torat am Mitt­woch nun endlich rea­gierte, freut uns und dass sich auch die Lan­des­rek­to­ren­kon­fe­renz dieser Auf­for­de­rung anschloss, zeigt für uns, hier musste gehan­delt werden und hier bedurfte es einmal mehr dem Hinweis der Anstän­digen, damit auch die Uni­ver­sität keinen Schaden nimmt.

Die Reak­tion des Rektoratsbernd-engler

Das Rek­torat der Uni­ver­sität Tübingen hat sich in seiner heu­tigen wöchent­li­chen Dienst­be­spre­chung mit den Äuße­rungen von Herrn Wilhelm G. Neusel, dem Vor­sit­zenden des Arbeits­kreises Tübinger Ver­bin­dungen, beschäf­tigt, mit denen er im Schwä­bi­schen Tag­blatt vom 22. April 2009 zitiert wird. Den Ver­gleich der Äuße­rungen dreier deut­scher Rek­toren aus dem Jahre 1949 mit dem Sprach­duktus von Joseph Goeb­bels hält das Rek­torat für völlig unan­ge­messen und ehr­ver­let­zend. Der Ver­gleich belei­digt und dif­fa­miert mit seinen Impli­ka­tionen die Per­sonen und die durch sie ver­tre­tenen Insti­tu­tionen, d.h. die West­deut­sche Rek­to­ren­kon­fe­renz sowie die Uni­ver­sität Tübingen. Jeg­li­cher Ver­gleich von Per­sön­lich­keiten wie Ludwig Raiser, Gerd Tel­len­bach oder Walter Erbe, dem dama­ligen Tübinger Rektor, der selbst unter dem Terror des Natio­nal­so­zia­lismus gelitten hat, mit Joseph Goebels ist untragbar und zeugt von einem nicht akzep­ta­blen Geschichts­ver­ständnis. Wie absurd der Ver­gleich ist, wird auch durch die Doku­men­ta­tion der Ori­gi­nal­zi­tate von 1949 im Schwä­bi­schen Tag­blatt deutlich.

Das Rek­torat erwartet eine öffent­liche Klar­stel­lung und Ent­schul­di­gung von Herrn Neusel. Es betrachtet die in Gang gebrachte Nor­ma­li­sie­rung des Ver­hält­nisses von Uni­ver­sität und Ver­bin­dungen als gefährdet.

Die Reak­tion der LandesrektorenkonferenzLogo der Landesrektorenkonferenz

Die Lan­des­rek­to­ren­kon­fe­renz Baden-Württemberg nimmt mit Befremden eine Pres­se­mel­dung zur Kenntnis, nach der ein Mit­glied einer Tübinger Stu­den­ten­ver­bin­dung einen Beschluss der West­deut­schen Rek­to­ren­kon­fe­renz aus dem Jahr 1949 mit Joseph Goeb­bels in Ver­bin­dung gebracht hat. Die Anstren­gungen der Nach­kriegs­zeit zum Neu­aufbau eines Hoch­schul­sys­tems im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grund­ord­nung der Bun­des­re­pu­blik können und dürfen nicht mit dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unrechts­system gleich­ge­setzt werden. Die baden-württembergischen Uni­ver­si­täten als Mit­glieder der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz – der Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­tion der frü­heren West­deut­schen Rek­to­ren­kon­fe­renz – spre­chen sich mit allem Nach­druck gegen diesen Ver­gleich aus. Wir ver­weisen hier auch auf die aus­führ­liche Stel­lung­nahme des Rek­to­rats der Uni­ver­sität Tübingen vom 29.04.2009.

Damit ver­binden die baden-württembergischen Uni­ver­si­täten keine Stel­lung­nahme bezüg­lich Stu­den­ten­ver­bin­dungen im all­ge­meinen, die sie wie andere Grup­pie­rungen von Stu­die­renden als Bestand­teil des uni­ver­si­tären Lebens respek­tieren, soweit sie sich auf dem Boden des Grund­ge­setzes bewegen.

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