Posted on Oktober 29, 2009 in Hochschulpolitik, Neuigkeiten

HörsaalEin wütender Essay.
Diens­tag­abend. Hörsaal 25. 700 Stu­die­rende der Anglistik zwängen sich in den größten Hörsaal der Uni, was hier abläuft ist nicht etwa der Versuch, zu über­prüfen, wie viele Stu­die­rende tat­säch­lich in den Hörsaal passen oder eine Feld­ex­pe­ri­ment, ab wann Klaus­tro­pho­bi­sche Reak­tionen bei Men­schen­massen auf­treten, dieses Bild ist das ganz normale Bild einer Erst­se­mes­ter­vor­le­sung im Fach Anglistik im Win­ter­se­me­setr 2009/2010. “Skan­dalös”, mehr fällt einem Stu­die­renden dazu nicht mehr ein und auch der Dozent, der im Ringen mit der Menge und der Technik schier zu kapi­tu­lieren scheint, ist nicht nur erschüt­tert von der Situa­tion, sondern auch nicht in der Lage seinen Stu­denten eine Lehre anzu­bieten, die einer Uni­ver­sität ange­messen wäre. Die Erst­se­mes­ter­zahlen in den Fächern Anglistik/Amerikanistik, Ger­ma­nistik und Roma­nistik sind nicht nur enorm, sie sind kata­stro­phal. Eine ver­korkste Politk des Rek­to­rats und des Wis­sen­schafts­mi­nis­te­riums sind Schuld an dieser Situa­tion. Dort, wo Stu­die­rende nur noch als zah­len­mä­ßige Größe gesehen werden und Stu­di­en­plätze Fall­zahlen dar­stellen, dort ist kein Platz für eine Ver­bes­se­rung von Lehre, für eine indi­vi­du­el­lere Betreuung oder schlicht ein anstän­diges Studium. Diese Aus­nah­me­si­tua­tion, dass 700 Stu­die­rende sich in einen Hörsaal zwängen ist nicht bloßer Son­der­fall, sie wird ein Vor­spiel. Wenn jetzt nicht gegen gesteuert wird, dann werden spä­tes­tens im Jahr 2012 mit dem dop­pelten Abitur­jahr­gang Frei­luft­vor­le­sung und Aus­weich­lö­sungen nicht mehr die Aus­nahme sondern die Regel.

Der Hin­ter­grund dieses Ver­sa­gens ist, dass anders als in den letzten Semes­tern nicht mehr der numerus clausus für die Erst­smes­ter­stu­die­renden gilt. Während bisher ca. 300 Stu­die­rende einer Ein­füh­rungs­vor­le­sung bei­wohnten und bis zu ihren Abschlüssen als Bachelor und Lehramt geführt wurden, sind es in diesem Semester 701 (sie­ben­hun­dertund­eins) Stu­die­rende, die nach Tübingen kamen, in der Erwar­tung sie würden hier unter guten Lern­be­din­gungen ihr Studium beginnen können. Doch was die Uni­ver­sität ihnen zeigt ist mehr als die kalte Schulter. Der Dozent, der sich von dieser Menge von Stu­die­renden schier über­rannt sah, konnte sich nur dafür ent­schul­digen, dass es aus seiner Sicht nicht möglich ist, 700 Stu­die­rende eines Jahr­gangs bis zum Stu­di­en­ab­schluss zu führen. 470, wie vom Rek­torat beschlossen, war eine Zahl die durchaus von den Dozenten und Mit­ar­bei­tern der Anglistik zu stemmen gewesen wären, auch wenn die eigent­li­chen Kapa­zi­täts­zahlen nur Raum für etwa 330 Stu­die­rende gelassen hätte. Nun also 701, das bedeutet nicht nur mehr als 150% Aus­las­tung zu der vom Rektor und seinen Pro­rek­toren ohne Rück­sprache mit den Betrof­fenen beschlos­senen Kapa­zität, nein, es bedeutet 254 % mehr als noch im letzten Win­ter­se­mester auf­ge­nommen wurde. Damals konnten sich 276 Stu­die­rende glück­lich schätzen in Tübingen auf­ge­nommen zu werden und obwohl es einer Stu­die­ren­den­ver­tre­tung nie gut zu Gesicht steht einen NC zu ver­tei­digen, konnte man damals den Stu­di­en­gang auch noch Stu­dieren. Heute sieht es dage­gegen so aus, dass für 701 Erst­se­mester schon rea­lis­tisch betrachtet nie die Mög­lich­keit besteht ihr Studium zu Ende zu führen. Weder Semi­nar­plätze noch spätere Betreu­ungs­mög­lich­keiten für Bache­l­or­ar­beiten stehen in aus­rei­chender Zahl zur Ver­fü­gung, als das es rea­lis­tisch wäre allen Stu­die­renden auch ein Stu­di­en­ab­schluss zu garan­tieren. Dieses Ergebnis einer ver­fehlten Politik ist einmal mehr Beleg dafür, dass das tübinger Rek­torat nicht in der Lage ist eine nach­hal­tige Hochschul- und Stu­di­en­po­litk zu betreiben und dass eine wirk­same Inter­es­sen­ver­tre­tung gegen­über dem Minis­te­rium in Stutt­gart Fehl­an­zeige ist.

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