„Campus der Zukunft“ steht für ein Vorhaben des Rektorats, die Uni in der Stadt baulich komplett umzugestalten.

Die Ausgangslage

Ein großes Problem der Uni Tübingen ist der Umstand, dass die Universität Tübingen keine „Campus-Universität“ im eigentlichen Sinne ist, sondern dass die Institute, Fakultäten, zentralen Einrichtungen und Verwaltungsgebäude über die ganze Stadt verteilt sind. Viele der von der Universität genutzten Gebäude sind alt und renovierungsbedürftig, der Sanierungsrückstau der Universität Tübingen ist mit etwa 485 Mio. Euro ein bedauernswerter landesweiter Rekord. Bedingt durch die große Zahl der Gebäude und deren schlechten – und wenig energieeffizienten – Zustand sind die Ausgaben für Gebäudebewirtschaftung im Vergleich mit anderen Universitäten unverhältnismäßig hoch. Diese Mehrkosten werden nicht durch das Land ausgeglichen. An der Lösung dieses Problems wird bereits seit Ende der Fünfziger Jahre gearbeitet, die Ansätze scheiterten jedoch meistens an der Finanzierung durch das Land.

In den vergangenen Jahren sind jedoch schon einige Schritte unternommen worden, so erfolgte der Umzug der Geographie in die alte Kinderklinik, die Bibliothek wurde erweitert (und Vorbereitungen für eine weitere Erweiterung wurden getroffen), der nächste Schritt ist die Konzentration der medizinischen Institute auf dem Schnarrenberg und die Nutzung der freiwerdenen Gebäude z.B durch die Psychologie und andere Institute.

Der Campus der Zukunft

Begleitend zu dieser Konzentration von Universitätsgebäuden im Bereich Wilhelmstr-Hölderlinstrasse soll der „Campus der Zukunft“ enstehen. Hinter diesem Namen verbirgt sich das Vorhaben des Rektorats, einen großen Teil des Gebäudebestands zwischen Lustnauer Tor und „Schiebeparkplatz“, von der Brunnenstraße bis zu den Innenstadtkliniken zur Disposition zu stellen – immerhin eine Fläche von ca. 30 Hektar. Die dort stehenden Gebäude sollen zum größten Teil abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Zu den Gebäuden, die wegfallen könnten, gehören neben der Mensa Wilhelmstraße mit den Verwaltungsgebäuden des Studentenwerks auch der Hegelbau und gegebenenfalls das Clubhaus. Andere denkmalgeschützte Gebäude wie die Neue Aula und die Bibliothek bleiben erhalten.

Um den Campus der Zukunft zu planen, hat das Rektorat einen städtebaulichen Ideenwettbewerb ausgeschrieben, seine Ergebnisse wurden im Oktober 2008 veröffentlicht. Baubeginn soll spätestens im Jahr 2010 sein, Rektor Engler hatte im Vorfeld geäußert, dass er eine Fertigstellung für spätestens 2014 wünscht, ist aber inzwischen zu realistischeren Einschätzungen bereit.

Prinzipiell steht die FSVV dem „Campus der Zukunft“ offen gegenüber. Allerdings fordern wir die verstärkte Einbindung aller Gruppen in den Planungs- und Entscheidungsprozess. Das bisherige Verfahren war äußerst intransparent und fand ohne jede Einbindung der Studierenden statt.

Drei Bereiche, die vom neuen Campuskonzept betroffen sind und für die gesamte Studierendenschaft von besonderer Bedeutung sind, sollen hier hervor gehoben werden:

Mensa Wilhelmstraße

Nach derzeitigem Entwurfsstand soll die Mensa Wilhelmstraße und die benachbarten Verwaltungsgebäude des Studentenwerks mit hoher Wahrscheinlichkeit abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Was sich zunächst sympathisch anhört, könnte sich bei näherer Betrachtung als ziemlich teuer erkauft herausstellen.

Für eine Sanierung der Mensa wird derzeit mit Kosten von ca. 15 Mio. € gerechnet. Hinzu kämen noch Kosten für eine provisorische Mensa, die auf ca. 2–3 Mio. € geschätzt werden. Die angenommenen Kosten für einen Neubau werden mit mindestens 20Mio. € beziffert. Das Land hat für die Sanierung der Mensa im Herbst 2007 11Mio. € zugesagt. Die Restkosten müsste das Studentenwerk, also letzten Endes die Studierenden mit ihren Beiträgen, tragen. Wir fordern, dass das Rektorat umsichtig mit unseren Studentenwerksbeiträgen umgeht und dafür Sorge trägt, dass wir eine Mensa erhalten, die auch noch für die weitere Zukunft den Ansprüchen der Studierenden entspricht und die auch im Hinblick auf Energieeffizienz auf dem neuesten Stand der Technik ist. Einen Neubau in „Sparversion“, damit die Mensa besser in das „Campuskonzept“ passt, lehnen wir ab. Wir fordern ebenso, dass die Mensa voll funktionsfähig bleibt, eine Mensa als Essensausgabestelle, die von einem externen Caterer beliefert wird, lehnen wir vehement ab.

Das Clubhaus

Auch über dem Clubhaus schwebt, wie die Studierenden aus der Zeitung erfahren durften, möglicherweise die Abrissbirne. Das Clubhaus, eine Schenkung des amerikanischen Kongresses an die Tübinger Studierenden, ist seit seiner Errichtung Zentrum studentischer Arbeit und Freizeitgestaltung. Ziel der Amerikaner war es, dass Studierende Mitbestimmung erlernen und demokratische Grundsätze verinnerlichen. Trotz der Enteignung, die in den siebziger Jahren im Rahmen der Abschaffung der verfassten Studierendenschaft geschah, finden sich dort heute das Büro der Fachschaften-Vollversammlung und des entmachteten AStA. Zahlreiche studentische Gruppen, darunter das Studierendenmagazin Kupferblau sowie hochschulpolitische Gruppen nutzen die Büros im Clubhaus, mehrere musische Gruppen führen ihre Proben dort durch.

Der Wegfall des Clubhauses in seiner jetzigen Form würde einem tiefen Einschnitt für die Tübinger Studierendenschaft gleichkommen, da einer der letzten Räume aktiver Mitbestimmung für Studierende verschwinden würde. Die Ansprechbarkeit, die für die Arbeit jeder Studierendenvertretung von essentieller Bedeutung ist, sehen wir bei einem Abriss, bzw. einer Umwidmung des jetzigen Clubhauses erheblich gefährdet. Wie die studentische Arbeit und Mitbestimmung in Zukunft aussehen wird, hängt im Wesentlichen von der räumlichen und sachlichen Ausstattung und der Kooperationsbereitschaft des Rektorates ab. Der Vorschlag, das Clubhaus mit einer der Neubauten zu verknüpfen, zeugt von Missachtung studentischen Lebens und studentischer Selbstbestimmung. Die Fachschaften-Vollversammlung lehnt es entschieden ab, auf diesem Weg die studentischen Rechte weiter zu beschneiden, ein Auszug aus dem Clubhaus käme einer zweiten Enteignung gleich. Jegliche Unterbringung der studentischen Vertreter als Anhängsel in anderen Institutionen würde die Situation bedeutend verschlechtern.

Wir fordern deshalb, das Clubhaus als studentische Einrichtung fortzuführen und in vollem Umfang zu erhalten. Ein Ausbau des Clubhauses ist für uns durchaus vorstellbar, sofern die Studierenden in die Planung einbezogen werden. Allerdings werden wir es begrüßen, wenn das Clubhaus, wie ursprünglich bei der Schenkung vorgesehen, einzig und allein der studentischen Mitbestimmung zur Verfügung gestellt werden wird.

Beratungseinrichtung

Ein Teil des Konzepts „Campus der Zukunft“ sieht vor, sämtliche Serviceeinrichtungen für Studierende in einem Gebäude zusammen zu fassen. Diese Forderung nach einem Studentischen Service-Center wird von der FSVV schon seit mehreren Jahren gestellt. Selbstverständlich begrüßen wir nun den Plan zur Umsetzung unserer Forderung und bringen gerne eigene Konzepte in die Ausführungsplanung ein. Selbstverständlich muss dieses Gebäude von Grund auf barrierefrei gestaltet werden, um endlich jahrelange Missstände zu beheben. Bei einer Neukonzeption des Campus müssen die Stimmen derer gehört werden, die es direkt betrifft, nämlich die der Studierenden und MitarbeiterInnen der Uni und des Studentenwerks. Oberstes Ziel der Universität sollte es sein, die Bedingungen der Lehre und des studentischen Alltags zu verbessern. Wir fordern das Rektorat daher dringend auf, seine Innovationen nicht nur auf Visionen in Beton zu beschränken, sondern auch strukturelle Reformen durchzuführen. Die derzeitige Politik des Rektorats, zentrale Einrichtungen mit englisch klingenden Namen um ihrer Selbst willen aus der Taufe zu heben, ist kurzsichtig. Dies mag vielleicht Gäste der Uni und die Juroren der „Exzellenz“-Initiative beeindrucken, verbessert aber nichts an der Lage der Studierenden. Auch über eigentlich naheliegende Verknüpfung mit dem anderen aktuellen Großprojekt der Uni, der Neugliederung der Fakultäten, wurde bisher kaum nachgedacht.

Das bisherige Vorgehen bei der Konzeption des »Campus der Zukunft« deutet darauf hin, dass die Wünsche und Nöte der Studierenden gar nicht gehört werden. Wir würden uns daher wünschen, dass mindestens die Studierendenvertreterin im Hochschulrat der Universität vollwertiges Mitglied in den Kommissionen zur Neukonzeption des Campus und in die Jury zur Auswahl der Architektenvorschläge als gleichberechtigtes Mitglied entsandt wird. Schließlich sollte eine Universität auch für ihre Studierenden gebaut werden.

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