Überall ist von der Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen die Rede; man hört von Modularisierung und Kreditpunkten. Diplomstudiengänge werden abgeschafft – einschneidende Veränderungen stehen an, aber niemand weiß genau, was auf uns zukommt.
Warum das alles?
Um die von den europäischen Bildungsministerinnen in der „ Bologna-Erklärung“ festgelegten Ziele europäischer Bildungspolitik zu verwirklichen.

Ziele von Bologna
Die Ziele, die im Rahmen des Bologna-Prozesses formuliert wurden, lauten: ein einheitlicher europäischer Hochschulraum, größere Mobilität der Studentinnen und die Einführung von vergleichbaren Studienabschlüssen in gestuften Studiengängen.

Umsetzung von Bologna
Anstatt dass sich die Hochschulen in Europa, in Deutschland oder auch nur in BaWü gemeinsam mit dem Bologna-Prozess auseinander setzen, kocht jede Hochschule ihr eigenes Süppchen. Nicht einmal den baden-württembergischen Universitäten gelingt es, sich über Kriterien zur Anrechnung von Veranstaltungen zu einigen. Aber nicht nur der Hochschulwechsel während des Studiums wird durch die schlechte Umsetzung des Bologna- Prozess erschwert. Auch die allgemeine Anerkennung der „internationalen“ Studienabschlüsse Bachelor und Master ist nicht in Sicht; allein eine Namensgleichheit reicht nicht aus.

Gestufte Studiengänge?
Die Universität Tübingen hat mittlerweile fast ihr komplettes Studienangebot auf die Abschlüsse Bachelor und Master umgestellt. Diese Bachelor- und Master-Studiengänge ersetzen alle bisherigen Diplom-, Lehramts- und Magister-Studiengänge: Aus dem Diplom wird eine Kombination aus Fach-Bachelor und Fach-Master. Aus dem Lehramt soll sukzessive eine Kombination aus Zwei-Fächer-Bachelor und Master of Education werden. Aus dem Magister wird eine Kombination aus Zwei-Fächer-Bachelor und Fach-Master. Ein Übergang vom Fach-Bachelor zum Master of Education ist nicht vorgesehen. Ganz im Gegensatz zu den Zielen des Bologna-Prozesses, wird also hier ein Übergang noch erschwert.

Augen zu und durch
Obwohl die ersten sechs Semester mit dem Zwei-Fä cher-Bachelor-Studiengang problematisch-chaotisch verliefen und die Perspektiven für die Master-Studiengänge luftig sind, wird dies von vielen in falsch verstandener Loyalität immer noch ignoriert. Wundere Dich also nicht, wenn Dir erzählt wird, es wäre alles gar nicht so schlimm.

Bachelor
Der erste Berufsqualifizierende Abschluss? Vor drei Jahren hat unsere Universität einen fächerübergreifenden Zwei-Fächer-Bachelor mit aktuell 29 zur Auswahl stehenden Fächern als Ersatz für die meisten anderen Studiengänge eingeführt. Geplant war ein international anerkanntes Studium mit Orientierungsjahr und Praktika.

Bachelor in der Praxis
Mittlerweile hat sich in der Praxis gezeigt, dass viele Probleme, wie vorausgesagt, eingetreten sind: All die möglichen Fächerkombinationen führen dazu, dass viele Pflichtveranstaltungen zeitgleich liegen. Unsere Hochschulleitung ist auch im kommenden Semester nicht in der Lage, dieses „Raum-/ Zeit-Management“ zu leisten. Eine inhaltliche Koordination zwischen den einzelnen Fächern findet nicht statt; diese arbeiten nebeneinander her.
Ein Orientierungsjahr gibt es nicht: Wer nicht sofort zielgerichtet studiert, hat mit studienverlängernden Nachteilen zu rechnen. Dadurch, dass kein international anerkanntes Leistungspunktesystem (ECTS) eingeführt wird (das wäre zu teuer), sondern hausgemachte Kreditpunkte (KP) verteilt werden, ist noch nicht einmal eine landesweite Anerkennung in Sicht; von einem internationalen Studienabschluss kann gar nicht die Rede sein.

Nach wie vor wird der Bachelor-Abschluss als erster berufsqualifizierender Abschluss dargestellt: Für welchen Beruf die jeweilige Bachelor-Version qualifiziert, sagt jedoch niemand. Es werden nur grobe Berufsfelder geschildert, die schon längst durch Ausbildungsberufe wesentlich praxisnäher abgedeckt werden. Was der so genannte Professionalisierungsbereich leisten soll, wird immer noch diskutiert. Für die Pflicht-Praktika sieht sich die Universität nicht verantwortlich; diese muss sich jede selber suchen.
Selbst die Prüfungsbedingungen sind immer noch nicht klar und eindeutig geregelt und existierende Regelungen werden nicht eingehalten.

Mit gutem Gewissen
Aufgrund der hier kurz angerissenen massiven Probleme und der vielen offenen Fragen halten wir es für unverantwortlich, Dir so etwas mit gutem Gewissen zu empfehlen.
Einige Fächer bieten daneben (Ein-)Fach-Bachelor-Studiengänge an, auf die diese Kritik so nicht zutrifft. Denn diese sind einfach nur um eine Hausarbeit verlängerte Vordiplome.

Master
Mit dem Abschluss der Regelstudienzeit der ersten Absolventinnen des Zwei-Fächer-Bachelor-Studiengangs sollen zum kommenden Wintersemester 17 neue Master-Studiengänge entstehen.
Nicht-existente Studiengänge
Zumindest verweist unsere Hochschule immer und ständig auf diese geplanten aber noch nicht existierenden Studiengänge. Obwohl die Bewerbungsverfahren für diese Master-Studiengänge schon laufen, sind die Zugangs- und Zulassungsordnungen noch nicht einmal genehmigt; sogar die Prüfungsordnungen sind bisher noch nicht durch die zuständigen Gremien beschlossen worden. Auch Studienordnungen sind nicht in Sicht.

Zulassung und Zugang zum Master
Immer wieder wird behauptet, dass Du nach einem Bachelor-Studium ein Master-Studium beginnen könntest. Unter den Studienanfängernist ist aber kaum bekannt, dass es für alle Master-Studiengänge – gesetzlich vorgeschrieben – Zugangsbeschränkungen geben muss: eine „besondere Eignung“. Diese wird in der Regel durch eine Bachlor-Durchschnittsnote von 2,5 oder durch einen Zugangstest nachgewiesen. Was man jetzt aber schon sagen kann ist, dass jemand mit einer schlechteren Bachelor-Note als 3,5 von jedem weiteren Master-Studium ausgeschlossen sein wird.

Fehlende Prüfungsordnungen

Wenn man bedenkt, dass die Universität mit den Planungen zur Studienstrukturreform schon in 2003 begonnen hat, fragt man sich doch, wie es denn wohl sein kann, dass zurzeit die Prüfungsordnungen für diese Master-Studiengänge immer noch nicht vorliegen.

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