Ursprung, Ideen- und Entstehungsgeschichte

Der Ursprung der Fachschaftsräte-VV liegt in den so genannten neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland. Diese beginnen mit der Studierendenbewegung und ihrem antiautoritären Protest. Zu den neuen sozialen Bewegungen zählt man auch die feministische, die Friedens-, die Umwelt- und die Antiatombewegung. Diese begründen ein Patchwork politischer Ideen. Die Wurzeln der Fachschaftsräte-VV liegen vor allem in der Studierendenbewegung. Diese ist in ihrer Ideengeschichte gekennzeichnet durch eine Wiederkehr des Utopischen und eine rebellische Subjektivität gegen die alternativarme, scheinbar illusionslose und ideologiefreie Nachkriegsgesellschaft.

Das kollektive Unbehagen über diese „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ reicht schon bald über die Kritik an den autoritären Traditionsbeständen an den Universitäten hinaus und beruft sich zum Teil auf uneingelöste Emanzipationsvorstellungen früherer häretischer Traditionen z. B. aus dem utopischen Kommunismus, dem Anarchismus oder dem Surrealismus. Nicht die Unterwerfung unter vorgezeichnete Gesellschaftsentwürfe ist angesagt, sondern die persönliche Emanzipation und Selbstbefreiung von herrschaftlichen Prägungen gehört zur neuen politischen Orientierung der neuen sozialen Bewegungen. Provozierender antiautoritärer Protest, gelebte Alternativen in Kommunen und Kinderläden, freie Schulen und kritische Universitäten, sinnliche Formen des politischen Widerstands vermittelten diese Botschaft anderer gesellschaftlicher und persönlicher Möglichkeiten. Es beginnt die Suche nach Formen politischer Artikulation, Interessenberücksichtigung und politischer Organisierung, die den Konfliktthemen und Zielsetzungen angemessen sind.

„Dabei hat sich in Ansätzen eine neue intermediäre politische Kultur herausgebildet, in der sich seit Mitte der Siebziger Jahre in der Bundesrepublik mehr Menschen engagieren als in den etablierten Parteien“ (Roth, 1987). Intensität und Vielfalt der Bewegungskonflikte haben den „repräsentativen Absolutismus“ (Wolf-Dieter Narr) der Bonner Republik nachhaltig auf den Prüfstand gestellt. Die Entscheidungsqualität der parlamentarischen Mehrheitsregel erscheint angesichts irreversibler Entscheidungsmaterien (z. B. Kernkraft) mehr als zweifelhaft. Ergänzungen und Umbauten an den repräsentativen Strukturen scheinen den neuen sozialen Bewegungen daher angesagt.

Nach der Zerschlagung des AStA

Das Modell der Fachschaftsräte-VV selbst entsteht 1973. Ihre Gründung war eine Reaktion auf das Hochschulgesetz von 1972. In dieser Gesetzesnovelle wurde den bisher repräsentativ gewählten VertreterInnen der Studierenden das politische Mandat entzogen. Gesellschaftspolitische Meinungsäußerungen wollte die staatliche Seite damals verhindern. Die Fachschaftsräte-VV war die Voraussetzung dafür, dass nach der endgültigen Zerschlagung des AStA Ende 1977 eine Studierendenvertretung vorhanden war – eine Struktur, die an der Uni weiterhin gebraucht und – obgleich gesetzlich verboten – geduldet wurde. Die Fachschaftsräte-VV begründete sich als Rätedemokratisches Modell mit einem imperativen Mandat für ihre VertreterInnen und Delegierten. Sie wendet sich der Philosophie Ernst Blochs zu und verdeutlicht das in ihrem Logo.

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